www.amaroland.de

Wir reparieren Ihren Planeten!

2007

12.01.2007 Der vorgetäuschte Baubeginn

 

Nachdem ich vormittags beim Schwammerl-Cafe meinen Latte geschlürft hatte, ging ich zurück zum Peterstor. Dort standen ein paar Bauarbeiter und luden gerade im Hof einen Minibagger von einem Anhänger ab. Als ich zur Leiter herunterklettern wollte, kam ein Mann mit Brille und Trenchcoat auf mich zugelaufen und wedelte ganz aufgeregt mit einem weißen DIN-A4-Umschlag.

"Sind Sie Amaro Ameise?" fragte er mich. Ich bejahte und er holte ein paar Zettel aus seinem Umschlag. Einen drückte er mir in die Hand und bedeutete mir, ihn zu lesen. In dem Schreiben von der Grundstückseigentümerin, der AIS Baugesellschaft, deren Geschäftsführer Martin Scheuerer war, welches an Amaro Ameise, Am Peterstor 3 adressiert war, stand, dass ich den Stadtgraben sofort "wegen der beginnenden Bauarbeiten" verlassen müsste und nicht mehr wiederkommen soll.

Ich sagte ihm, dass mir wohl nichts anderes übrig bleiben würde, als den Graben zu räumen.

Nachdem ich das gesagt hatte, hielt mir der Mann im Trenchcoat einen anderen Zettel und einen Kugelschreiber unter die Nase. Das war die Empfangsbestätigung für den ersten Zettel.

Natürlich weigerte ich mich, diesen Wisch zu unterschreiben, nicht nur, weil ich als Aussteiger jegliche Form von Bürokratie ablehnte, sondern auch, damit mich die Firma nicht festnageln konnte, was den guten Mann sichtlich erregte. Er ging in die Luft wie ein HB-Männchen, aber was wollte er machen, er konnte mich ja nicht mit Gewalt zwingen, diesen Zettel zu unterschreiben.

Ich kletterte herunter und packte meine Sachen zusammen, während oben auf der Straße ein Kranwagen auftauchte, der den Minibagger langsam in den Stadtgraben herunterließ, während ich die Leiter hinauf stieg. "Das war's jetzt, jetzt wird gebaut!", dachte ich mir und ging wieder zum Schwammerl-Cafe, um mir mit einem weiteren Kaffee die Laune wieder ein wenig zu verbessern.

In den folgenden Tagen habe ich dann mehrmals am Tag heruntergeschaut. Mit dem Minibagger haben die Bauarbeiter dann die ganzen Schutthäufchen auf der nördlichen Hälfte eingeebnet. Das hat alleine schon mehrere Tage gedauert. Danach haben sie dann angefangen, Markierungen an die Mauern zu sprühen und Pfosten zu setzen, um den Grundriss des Hochhauses festzulegen. Es sah wirklich so aus, als wenn es jetzt Ernst werden würde, wenn auch zwei Bauarbeiter und ein Mini-bagger etwas lächerlich für ein Hochhausprojekt wirkten, doch plötzlich war Ruhe im Stadtgraben.

Nach über einer Woche hörten die Arbeiten auf, es fing an zu schneien und der Minibagger wurde langsam aber sicher eingeschneit. Nach noch ein paar Tagen war auch der Bagger verschwunden. Wieder tat sich nichts, kein Bauarbeiter tauchte auf, kein Bagger, keine Container, einfach nichts. Mit Straßenmalkreide schrieb ich noch "Muss hier wirklich ein Hochhaus stehen" an die Mauer.

Die eingeschlagenen Holzkreuze erinnerten irgendwie an einen Katzenfriedhof, was auch in der Februarausgabe des Donaustrudl mit "Friedhofsruhe im Graben am Peterstor" kommentiert wurde.

Ich fuhr erst mal weg, um alte Freunde zu besuchen und ließ mich einige Wochen nicht blicken.

 

17.02.2007 Ankündigung der Peterstorbrückensanierung

 

Während meiner Abwesenheit wurde in der Mittelbayerischen Zeitung angekündigt, dass die Peterstorbrücke, unter der ich mein Lager aufgeschlagen habe, saniert werden soll. Durch eindringende Feuchtigkeit wird das Bauwerk in Mitleidenschaft gezogen. Die feuchten Ziegelsteine könnten aufplatzen und müssten ersetzt werden. Eine Isolierschicht aus Bitumen würde eingezogen.

11.10.2007 Der Absturz

 

Es ist Donnerstag Nacht und ich liege schon seit dem frühen Abend in meinem Zelt unter dem Brückenbogen, um friedlich zu schlummern. Plötzlich werde ich aus dem Schlaf gerissen, weil ein paar Leute oben auf der Straße ganz aufgeregt schreien. "Hallo?", "Ist Ihnen was passiert?", "Hallo, Hallo Sie, hören Sie mich?" höre ich die Leute rufen und springe sofort aus meinem Schlafsack, weil ich ahne, dass etwas passiert sein muss. Ich renne Richtung Aufgang, wo ich in den letzten drei Wochen einige Tonnen Steine zu einer Treppe aufgeschichtet hatte, um eine Möglichkeit zu haben, aus dem Loch wieder heraus zu kommen, falls Herr Scheuerer einmal seine Leiter wieder abholt.

Auf der Treppe sehe ich einen dunklen Schatten, der sich langsam bewegt. Als ich näher komme, sehe ich, dass eine Person auf der Treppe herumkriecht. Von oben schreit jemand: "Da ist gerade eine Frau heruntergefallen!". Langsam gewöhnen sich meine Augen an die Dunkelheit in dieser Ecke, wo die Straßenlaternen nicht hinleuchten können und ich kann sie erkennen, es ist eine Bekannte, die ich vom Sehen her kenne. Sie hängt mit ihren Beinen auf der Treppe und mit dem Oberkörper hat sie sich auf den Absatz vor der zugemauerten Türe gezogen, um halbwegs aufrecht sitzen zu können. Als ich in Ihr Gesicht blicke, sehe ich ihre weit aufgerissenen Augen, aus denen Benommenheit und eine gewisse Leere spricht. Das Gesicht ist blutüberströmt und als ich noch ein wenig näher hinschaue, sehe ich auch die Ursache, eine riesige klaffende Wunde genau auf der Mitte ihrer Stirn vom Haaransatz bis zwischen die Augenbrauen, aus der im Takt ihres Pulses das Blut herausrinnt. Ich klettere nach oben und bitte die Gruppe von Passanten, die sich mittlerweile oben angesammelt hat um ein paar Taschentücher, da fängt eine Frau an, ganz umständlich ein Taschentuch aus ihrer Tempo-Packung zu ziehen. Ich sage "Ich brauche alle! Und rufen Sie bitte sofort einen Krankenwagen!" und reiße ihr ungeduldig das ganze Paket aus der Hand, um damit wieder zu der Dame herunterzusteigen. Ich reiße das Paket auf und nehme gleich die Hälfte, um es ihr auf die Stirn zu pressen. Jetzt hört die Blutung wenigstens langsam auf, aber es gibt jetzt ein noch viel größeres Problem, wie bekomme ich die Dame jetzt aus dem Loch heraus? Sie ist ja offensichtlich unter Schock und nicht so ganz im Vollbesitz ihrer körperlichen und geistigen Kräfte. Ich frage sie, ob ich ihr hochhelfen soll und sie nickt. Ich helfe ihr, aufzustehen und Stufe für Stufe hochzuklettern, doch oben gibt es ein Problem, die Treppe reicht nur bis etwa 1,5 Meter unterhalb der Mauerkrone, wo oben drauf noch ein etwa 70 Zentimeter hoher Zaun mit spitzen Zacken am oberen Ende wartet, um überwunden zu werden. Sie hält sich am Zaun und ich drücke meine Schulter unter ihr Gesäß, um nachzuhelfen.Oben fassen die Leute auch schon nach ihr und mit vereinten Kräften gelingt es uns, sie über den Zaun auf sicheres Terrain zu bringen. Wir setzen sie auf die Bank, die ich vor ein paar Tagen hinten am Bauzaun hingestellt hatte und sie kann endlich verschnaufen, während ich ihr noch den Rest der Papiertaschentücher auf die Stirn presse, wo das Blut immer noch in Strömen herausrinnt. Der Krankenwagen kommt endlich, drei Leute steigen aus und ich bin erleichtert und froh, dass es so glimpflich abgelaufen ist. Die Dame wird ins Auto verfrachtet und ich stehe da mit einem Haufen Fragezeichen über meinem Kopf. Was um Gottes Willen hat diese Frau mitten in der Nacht in diesem Loch gesucht? Und warum hat sie auf eigene Faust versucht, hinunterzuklettern, im Dunkeln und auf dieser wackeligen Treppe? Als ich wieder herunter stieg, schaute ich mir die Treppe noch einmal genau an. Die Dame war doch tatsächlich über einen Meter fünfzig kopfüber heruntergestürzt und mit der Stirn auf einen Stein geprallt, der wie ein offenes Beil mit einer scharfen Kante nach oben zeigte. Ich verfluchte die Treppe und fing an, sie abzubauen. Nicht, dass noch mehr Leute darauf verunfallen können.

Zwischen dem Podest und der abgebrochenen Mauer klaffte ein riesiges Loch, wo einmal ein Bagger neben der Wand freigeschaufelt hatte. Ich überschlug kurz und dachte, dass die ganzen Steine der aufgeschichteten Treppe ungefähr in dieses Loch hineinpassen könnten und fing an, die Steine in das Loch zu werfen. Ich konnte gar nicht mehr aufhören, bis ich irgendwann morgens um etwa 5 Uhr fast zwei Drittel geschafft hatte, um mich dann total müde und fertig schlafen zu legen.

Ich pennte bis nachmittags und ging nach dem Aufstehen erst mal zum Döner-Mann meines Vertrauens, um die eingetauschten Pfandflaschen der letzten Tage in einen Döner umzuwandeln. Nach einem Verdauungsspaziergang ging ich wieder zurück zum Peterstor, denn ich wollte noch den Rest der Treppe abbauen, bis auch der letzte Stein verschwunden war. Ich wollte von der Natursteinmauer zum Turmwandrest einen Bogen ziehen und musste deswegen immer wieder heruntersteigen, um eine gebogene Mauer aufzuschichten, hinter die ich dann wieder mehr Steine werfen konnte, bis ich etwa eine gerade Linie hatte, die ich mit den restlichen Steinen auffüllte. Das Ergebnis sah sogar einigermaßen ansehnlich aus und ich hatte die Treppe bis auf den letzten Stein entsorgt. Es war schon wieder kurz vor Sonnenaufgang und ich verschwand bald in meinem Zelt. Am nächsten Tag traf ich die Dame, deren Gesicht sich jetzt von blutverschmiert zu lila-schwarz-gerändert verfärbt hatte und sie erzählte mir, dass sie mit ein paar Leuten, mit denen sie in einer Kneipe gesessen war, gewettet hatte, ob ich im Zelt schlafe oder nicht. Sie war halt diejenige, die nachschauen musste, was nach ein paar Gläsern Wein und meiner abschüssigen und wackeligen Treppe keine gute Idee war. Ich wünschte Ihr eine gute Besserung für ihre Stirn und vor allem für ihre Nase, die gebrochen war und kletterte wieder ins Loch. Jetzt musste ich mit den Erdhaufen auf der Südseite weiter machen, denn ich wollte aus dem nun vollständig modelliertem Podest auch eine Beetfläche machen, dazu holte ich dutzende Schubkarren Aushub vom vorletzten Aushubhaufen herüber und füllte ihn von der Schukarre in Eimer, um ihn dann die kleine Treppe hoch auf das Podest zu schaffen und dort zu verteilen. Dann folgten noch ein paar dutzend Schubkarren mit Mutterboden, der auch reichlich vorhanden war und das Endergebnis war ein sauber geformtes Podest mit einer glatt geharkten, tiefschwarzen Erde, die nur auf die Bepflanzung zu warten schien.